Das ZDF-Polit-Barometer sieht die AfD in Sachsen-Anhalt bei 40 Prozent, die CDU bei 23 Prozent. Die Republik ist alarmiert. Und AfD-Kandidat Ulrich Siegmund lächelt. Auch in Mecklenburg-Vorpommern erhält die Partei Spitzenwerte. Es geht nicht mehr nur um eine Landtagswahl, sondern um die Architektur der Parteienlandschaft. Ist das jener „Reformherbst“, den Kanzler Merz angekündigt hat – nur mit einer anderen Bedeutung? Wird das Haus im Osten jetzt ein Palast der Innovation? Hier eine Erklärung und ein entscheidender Gedanke ….

Ein nicht ganz erfülltes Versprechen.
Helmut Kohl stellte 1990 „blühende Landschaften“ in Aussicht. Dahinter stand die Erwartung: Wenn sich die materiellen Lebensverhältnisse in Ost und West angleichen, werde auch die innere Einheit folgen. Vieles wurde tatsächlich besser: Freiheit, Infrastruktur, Lebensqualität und soziale Sicherheit. Doch Einheit besteht nicht nur aus sanierten Städten und höheren Einkommen. Sondern sie besteht aus empfindsamen Menschen mit gutem Erinnerungsvermögen.
Ein Teil der Wahlberechtigten schätzen Fortschritte, aber erinnern sich auch viele gebrochene Lebensläufe, Entwertung und gesellschaftliche Herabstufung. Der materielle Abstand ist zwar kleiner geworden. Der Abstand in der gegenseitigen geistigen Verfassung ist größer geworden. Daraus entsteht Frust wie sich zeigt.
Politiker erklären – aber sie lösen nicht.
In Talkshows der reichweitenstarken TV Sender, verunsichern Aussagen und Umsetzung.
| Was Politiker sagen | Was beim Wähler ankommt |
| „Wir müssen unsere Politik besser erklären.“ | Ich habe sie verstanden – aber was wird für mich besser? |
| „Wir nehmen Ihre Sorgen ernst.“ | Nehmen Sie nicht nur meine Sorgen ernst – lösen Sie das Problem. |
| „Wir müssen die Menschen wieder erreichen.“ | Welches konkrete Angebot haben Sie für mich? |
| „Wir müssen die AfD bekämpfen.“ | Sie sagen, was Sie verhindern wollen – aber nicht, was Sie erreichen wollen. |
In diesen Sendungen thematisieren Parteien gerne ihre eigenen Probleme: Kommunikation, Vertrauen, Abgrenzung und verlorene Stimmen. Die Wähler, speziell auf dem Lande wollen wissen: Was funktioniert wieder? Was wird für mich konkret besser? Und woran arbeiten alle Parteien?
Das politische Haus und der Ostflügel.
Stellen wir uns die Parteien in einem großen Haus vor.
Im sozialen Flügel arbeitet SPD und die Linke. Die Grünen versuchen ihre Zimmer ökologisch upzudaten und ideologiekonform umzugestalten. In dem Flügel der CDU und FDP ist unterschwellig Unruhe entstanden. Denn hier befindet sich der Bereich für wirtschaftlichen Vernunft, Stabilität und Eigenverantwortung. Ganz anders im Ostflügel. Sie wurden bisher nur selten oder sporadisch genutzt. Jetzt aber herrscht hier Emsigkeit. Schauen wir mal rein in diese Zone. Sofort fällt ein lasergedruckter Handzettel auf: „Sie befinden sich schon außerhalb des „Parteienkartells“. Sie sind bei der „Alternative für Deutschland“. Herzlich willkommen! Unsere Räume sind für Wähler mit gebrochenen Lebensläufen, der mangelnden Anerkennung und der Sehnsucht nach einer Zukunft in Würde. Genau dafür wollen wir gewählt werden.
Die AfD als Befreiungsversprechen.
Diesen Räumen spürt man schon den zarten Luftzug der Befreiung. Thema: Nicht ihr habt versagt – ihr wurdet herabgesetzt. Nicht ihr müsst euch ändern – das Land muss sich ändern. Nicht andere sollen euch erklären, was richtig ist – ihr sollt wieder selbst bestimmen. Hier macht die AfD die Herabsetzung zur Selbstbehauptung: aus Protest wird das Gefühl politischer Befreiung. Ulrich Siegmund applaudiert und sagt mit Euch: „Alles ist möglich.“
Der Slogan bildet kein politischen Versprechen ab. Entscheidend ist die emotionale Umkehr: Aus dem gedemütigte Bürger, wird jetzt die handelnde Einheit AfD Ideen umzusetzen.
Wenn Befreiung in neue Bevormundung führt.
Genau hier werden AfD Ideen zur akuten Gefahr. Das Befreiungsversprechen führt in ein rechtsradikales Programm: „Remigration“, weitgehende Begrenzung der Zuwanderung, nationale Neuordnung von Bildung und Kultur, Kampf gegen Genderpolitik sowie Rücknahme der Klima- und Energiewende. Der Verfassungsschutz stuft den AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch ein. ZDF-Analyse zum AfD-Programm
Damit droht ausgerechnet die Befreiung von Bevormundung eine neue Bevormundung zu werden: Der Staat soll stärker bestimmen, wer dazugehört, was in Schulen gelehrt wird und welche kulturellen Lebensformen erwünscht sind. Die verletzte Würde der Menschen wird so zur Machtressource einer autoritären Politik.
Wer wird nach der Wahl hinter der Brandmauer gefangen sein?
Nehmen wir an die „vereinigten Demokraten“ haben weder die 50%, noch in Koalitionen die Mehrheit gewonnen. Sie sind die Wahlverlierer.
Nehmen wir an, die Gruppe im Ostflügel Gewinnen die Mehrheit auch durch möglichen Koalitionen. Sie sind die Wahlgewinner.
Eine Frage an den Bundeskanzler, welche Gruppe bekommt den schwarzen Peter hinter der Brandmauer?
Das sind Fragen, die Politik und Presse am liebsten behandeln. Entscheidend ist die Frage, was sind Zielmarken der Regionen, was soll sich in zehn Jahren verbessert haben? Die Verbesserung ist die einzige Währung bei Wahlen gilt. Keine Kompromisse in Koalitionenm, keine Minderheitsregierung, sondern schlichte die objektive Erreichung des Ziels.
Die Wende außerhalb der Box: den internationalen Horizont zurückgewinnen.
Die gegenwärtigen Überlegungen zu den Wahlen gelten vor allem dem regionalen Fortschritt. Doch je hitziger wir regionale Gegensätze verhandeln, desto leichter verlieren wir die globale Perspektive aus den Augen. Unsere Zukunft entscheidet sich längst nicht mehr allein in den Ländern oder in Berlin, sondern in Europa und im Wettbewerb der Kontinente.
Deutschland denkt häufig in zu kleinen Räumen und handelt zu langsam für eine Welt, die sich immer schneller verändert. Auch das knappe Nein Islands zu neuen EU-Beitrittsverhandlungen zeigt: Die europäische Idee überzeugt nicht mehr von selbst.
Deshalb müssen wir regionale Politik aus dem größeren Zusammenhang heraus gestalten. Unser Maßstab darf nicht nur sein, was wir verhindern wollen, sondern vor allem, was wir gemeinsam aufbauen können.
Die Wende innerhalb der Box: Versöhnung durch Freude.
Die Lösung liegt weder in dauerhafter Ausgrenzung noch in weiterer Eskalation. Das entscheidende Stichwort lautet: Integration statt Polarisierung. Dafür braucht es eine glaubwürdige Persönlichkeit, die Menschen zusammenführt: Arm und Reich, Jung und Alt, Hilfebedürftige, Facharbeiter, Unternehmer, Künstler und Schriftsteller. Sie wird vermutlich nicht aus dem professionellen Politikbetrieb kommen, sondern die mit ihrer Glaubwürdigkeit, Gemeinsinn und menschliche Wärme zum Leitbild geworden ist.
Veränderung für Lebensfreude.
Jede Veränderung bedeutet Verlust des Bestehenden. Dieser Verlust darf mit Zugehörigkeit und Freude kompensiert werden. Tanz, Musik, Humor und Lebensfreude sind deshalb keine Nebensachen. Der politische Gegner muss durch die Anziehungskraft der Freude entwaffnet werden. Wo Menschen miteinander lachen, tanzen und feiern können, verliert die Polarisierung ihre Macht.
Es gibt dafür ein bemerkenswertes US-Idol aus der Musikszene. Sie wurde über politische Lager hinweg geschätzt – nicht wegen eines politischen Programms, sondern wegen ihrer Wärme, ihres Humors und ihres sozialen Engagements: es ist die gerade verstorbene Country Sängerin Dolly Parton. In der Kraft ihrer Rolle könnte für uns die eigentliche Wende liegen.
